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Landkreis Kulmbach Aktuell

Ein Resümee über 30 Jahre Suchtarbeitskreis im Landkreis Kulmbach von Dr. Dieter Weiss

von links: Landrat Klaus Peter Söllner, Dr. Dieter Weiss, ehem. Abteilungsleiter im Staatlichen Gesundheitsamt Kulmbach, und die neue Abteilungsleiterin Dr. Camelia Şancu

Warum eine Festsitzung anlässlich des 30-jährigen Bestehend des Suchtarbeitskreises (SAK)?

Zum einen soll den Mitgliedern gedankt werden, die viele Jahre, teilweise sogar die volle Distanz von 30 Jahren mitgeholfen und mitgearbeitet haben. Dieses kleine Dankeschön soll eine Anerkennung sein. Zum anderen wollen wir mit dieser Festveranstaltung in der Bevölkerung Interesse wecken, auf der einen Seite die Tätigkeiten des SAK zu unterstützen und auf der anderen Seite das Bewusstsein in der Bevölkerung zu schärfen und wo erforderlich, zu ändern.

Eine Suchterkrankung ist eine Krankheit wie jede andere. Diesen Satz haben Sie vielleicht auch schon gehört. Ist dieser Satz wahr? Die Antwort ist leider ein Jein. Erst wenn diese Aussage nicht nur im Kopf eines jeden Mitbürgers, sondern auch in seinem Herz angekommen ist, dann wäre diese Aussage wahr, dann würden wir einen Suchtarbeitskreis nicht mehr brauchen. Soweit sind wir leider noch lange nicht, deshalb ist die Arbeit des Suchtarbeitskreises unverzichtbar. Ich befürchte, dass unsere Frau Dr. Şancu in 20 Jahren nochmals einladen wird, und zwar dann zum 50. jährigen Bestehen des Suchtarbeitskreises.

Einen Arbeitskreis Blinddarmentzündung gibt es nicht. Warum nicht? Wenn jemand extreme Bauchschmerzen hat, geht er zum Arzt. Wenn der Arzt sagt, sie haben eine Blinddarmentzündung, sie haben die Möglichkeit zu sterben oder sich operieren zu lassen, dann lässt er sich operieren. Dafür brauchen wir keinen Arbeitskreis. Aber in unserer Gesellschaft ist es leider immer noch so, dass bei vielen Bürgern Menschen mit Suchterkrankungen quasi Menschen zweiter Klasse sind. Man sagt: Na ja, die saufen halt zu viel, die sind haltlos, vielleicht charakterlos, und genau das ist es nicht.

Erläutern lässt sich dies auch an einem Beispiel, von dem unser Amtsarzt Dr. Weiss schon öfter berichtet hat. Er hat Vorträge vor weit über 1000 Schülern gehalten und fragte dann immer, wer von euch kann sich vorstellen jemals suchtkrank zu werden, der möchte bitte den Arm heben, so wie der Referent dies auch tut. Dann heben zwischen 5 und maximal 40% im Durchschnitt nur etwa 10% den Arm. Wenn er dann die Kontrollfrage stellt, wer von euch ist der Meinung, dass er nie Grippe kriegen kann, auch wenn er nicht geimpft ist, hebt keiner den Arm.  Das heißt, die Bereitschaft für die Suchtprävention ist erst dann ausreichend groß, wenn alle Menschen wissen, dass sie suchtkrank werden könnten. Dasselbe gilt für die Bereitschaft zur Behandlung. Viele Suchtkranke sagen, ich trinke ja nur, wenn mein Chef mich ärgert, wenn meine Frau unfreundlich ist oder Ähnliches, ich bin gar nicht krank. Sie sehen, wir brauchen einen SAK, in dem Fachleute vernetzt sind, die sich mit diesem Problem befassen. Wir müssen das Bewusstsein unserer Bevölkerung wecken bzw. ändern und das ist ein langer Weg. Unsere heutige Jubiläumsveranstaltung soll auch weitere Bürgerinnen und Bürger anregen, sich bei der Arbeit des SAK einzubringen.

Aus der Sicht des Amtsarztes hat die Vorbeugung, auch Prävention genannt, eine besondere Bedeutung. Wir unterscheiden zwischen Primär-, Sekundär und Tertiärprävention. Die Primärprävention setzt beim gesunden Menschen an, in der Regel ist sie vor allem dann erfolgreich, wenn sie beim Kind und beim Jugendlichen begonnen wird. Es gibt Fachleute, die meinen Suchtprävention ist so kompliziert, dass man eine ganz spezielle Ausbildung braucht. Aus amtsärztlicher Sicht ist es so, dass jedes sinnvolle pädagogische Handeln, das mit Herz und Verstand ausgeübt wird, ein Stück Suchtprävention ist. Eingebunden sind nicht nur Erzieherinnen und Erzieher im Kindergarten und Lehrer, sondern alle Menschen, die mit Kindern und Jugendlichen arbeiten, sei es im Sportverein, beim Roten Kreuz, bei der Feuerwehr, im Katastrophenschutz, in der Musikschule, bei den Pfadfindern, bei den Ministranten usw. Die Reihe ließe sich unendlich fortsetzen.

Wenn es gelingt, bei jungen Menschen Fähigkeiten zu erkennen und diese zu fördern, dann erreichen wir, dass die Jugendlichen z. B. gerne mit Begeisterung ein Musikinstrument spielen etc. Damit stabilisieren wir ihre seelische Gesundheit.

Der Primärprävention dient unser Projekt „Verantwortungsseminar Kulmbacher Bierkultur“, in dem wir eng mit unserer Brauerei zusammenarbeiten. Beteiligt sind das Gesundheitsamt, das Jugendamt und unsere kommunale Jugendarbeit.

Laien im Bereich der Suchtvorbeugung denken vielleicht, dass es eine natürliche Konkurrenz oder Abneigung gibt zwischen Gesundheitsamt und der Brauerei. Im Fall des Landkreises Kulmbach ist das Gegenteil der Fall. Wir kooperieren. Bei den Genuss und Verantwortung ist es nicht so, dass die Brauerei für den Genuss und das Gesundheitsamt für die Verantwortung zuständig ist, sondern vonseiten der Brauerei nimmt man die Verantwortung sehr ernst und das Gesundheitsamt ist durchaus bereit den Genussfaktor positiv zu bewerten.

Im Bereich der sogenannten Sekundärprävention sind die Mitglieder des SAK ausgerufen, aber auch alle Bürgerinnen und Bürger unseres Landkreises bei Menschen, die zu viel trinken ein Gespräch zu suchen, sie auf ihr Verhalten anzusprechen und ihnen zu raten, entsprechende Hilfeeinrichtungen aufzusuchen. In diesem Sinn ist das sogenannte Perleaderprojekt zu erwähnen. Zu Deutsch sprechen wir auch vom Schülermultiplikatorenseminar. Es handelt sich dabei um Veranstaltungen für Schüler, die für Suchtgefahren sensibilisiert werden und bei gleichaltrigen Schülern, bei denen sie ein entsprechendes Problem vermuten, Hilfen vermitteln, in dem sie z. B. Kontakt zum Beratungslehrer, zur Suchtberatungsstelle etc. herstellen. Dieses Projekt läuft bei uns im Landkreis in erster Linie bei MGF-Gymnasium. Um dies umzusetzen brauchen wir Sponsoren. In diesem Zusammenhang danken wir dem Rotaryclub Kulmbach und dem Lionsclub Bayreuth-Kulmbach. Auch wenn nicht als sogenannter „Sponsor“ zu nennen, so dürfen wir doch im Positiven hervorheben, dass die meisten Gelder vom Amtsgericht Kulmbach kommen. D. h., wenn Menschen mit dem Gesetz in Konflikt kommen und die Ursache beim Alkohol zu suchen ist und diese Bürgerinnen und Bürger dann Geldbußen zahlen müssen, kommen diese oft dem SAK und somit den Schülerinnen und Schülern zugute.

Letztendlich ist es wichtig sich der sogenannten Tertiärprävention, der Rückfallprophylaxe zuzuwenden. Leider ist es in manchen Kreisen immer noch üblich, dass man, wenn Mitbürger von einer Entwöhnungsbehandlung zurückkommen, Wetten abschließt, wem es wohl gelingen könnte, demjenigen zum ersten Glas zu verlocken. Dies ist natürlich absolut falsch.

Wo beginnt die Vorbeugung, wo endet sie?

Prävention ist ein lebenslanges Lernprinzip, eine Lernaufgabe. Sie beginnt im Kindergarten und endet im Seniorenheim. Das Wesentliche ist es, seine eigenen Fähigkeiten und Möglichkeiten zu erkennen, einzusetzen und sich in vielen Bereichen zu engagieren. Es sollte sich stets um einen gesunden Mix aus Anspannung und Entspannung handeln, bei dem Genuss, welcher Art auch immer nicht zu kurz kommen soll. Ganz wichtig es in dem Bereichen, in denen man Kompetenzen hat, gebraucht zu werden und sich einzubringen. Das fördert selbst das Selbstbewusstsein und dadurch auch das innere Gleichgewicht. Dadurch reduziert sich die Gefahr, in eine Abhängigkeitserkrankung hineinzurutschen. In diesem Zusammenhang ist auf einen sehr wichtigen Merksatz hinzuweisen, dieser lautet: „Gesagt ist noch nicht gehört, gehört ist noch nicht verstanden, verstanden ist noch nicht einverstanden, einverstanden ist noch nicht durchgeführt, durchgeführt ist noch nicht beibehalten“.

 

Mit freundlichen Grüßen
Dr. Dieter Weiss